Trümmer in Berlin


"Zentrum gegen Vertreibungen" - Das traurige Schicksal einer zentralen Informations-, Dokumentations-, Archiv und Begegnungsstätte für Deutschland

So war es geplant bei seiner Gründung am 6. September 2000: Die Tragödie der deutschen Heimatvertriebenen sollte aufgearbeitet werden, aber auch die Vertreibung anderer Völker insbesondere in Europa. Den Initiatoren Erika Steinbach (MdB) und Prof. Dr. Peter Glotz ging es um den Gesamtüberblick über die mehr als 15 Millionen deutschen Deportations- und Vertreibungsopfer aus ganz Mittel-, Ost- und Südosteuropa in der Mitte des 20. Jahrhunderts. Um ihre Kultur, ihr Schicksal und ihre Geschichte. Bekannte Völkerrechtler, Historiker, Schriftsteller und Journalisten unterstützten das Vorhaben. Und sie formulierten: "Das Zentrum gegen Vertreibungen ist zunächst eine innenpolitische Angelegenheit Deutschlands. Es geht darum, den deutschen Vertriebenen jenes Maß an Mitgefühl zu signalisieren, das ihnen in den letzten Jahrzehnten weitgehend verweigert wurde…Diese Geschichte darf nicht ausgelagert werden, sondern muß im nationalen Gedächtnis einen zentralen Platz einnehmen…" Eine Selbstverständlichkeit für ein Kulturvolk. Doch das war einmal. Wo sind diese Unterstützer geblieben, wo sind sie heute? Mit welcher Kraft haben sie ihren Einfluß zur endgültigen Realisierung dieses nationalen Projektes geltend gemacht? Was immer sie nicht getan oder doch getan haben - es hat nicht gereicht. Der aktive Widerstand der Thierses, Meckels, Schwans - alle drei SPD - war zu stark. Auch Bundeskanzler Gerhard Schröder lehnte das Zentrum ab, was den Schriftsteller Walter Kempowski damals zu dem trockenen Kommentar provozierte, "das sei kein Wunder, denn Schröder sei auch gegen die Wiedervereinigung gewesen". Und die überzeugungsfreie Bundeskanzlerin Merkel? Schwer zu sagen, wofür sie wirklich steht. Erika Steinbach jedenfalls hat immer geglaubt, Merkel an ihrer Seite zu wissen, so, wie andere Teile der CDU/CSU auch. Hat es ihr, hat es der Zentrumsidee genutzt? Heute heißt das "Zentrum gegen Vertreibungen" Stiftung "Flucht, Vertreibung, Versöhnung". Wie schön das klingt. In diesem Zusammenhang allerdings hört sich der Begriff "Versöhnung" verräterisch an. Sein geradezu inflatorischer Gebrauch soll vergessen machen, dass ohne historische Wahrheit Versöhnung nicht zu haben sein kann. Auf dem heutigen Diskussionsniveau jedenfalls ist er eine Illusion. In Berlin und anderswo fühlt man sich den historischen Zusammenhängen und Tatsachen gegenüber offenbar hilflos.

Die Tatsachen. Sie sind ungeliebt im Deutschland von heute. Ungeliebt und häufig unbekannt. Politiker, siehe Angela Merkel und Guido Westerwelle in Polen, machen da keine Ausnahme. Weil sie doch intelligente Menschen sind, muß man sich fragen: Wollen sie etwa Tatsachen nicht zur Kenntnis nehmen, weil sie nicht in ihr politisches Kalkül passen? Verdrängen sie mit Geschichtsklitterungen und Verschweigen bewusst den Zivilisationsbruch, den sie ihrem Volke zumuten? Merkel und Westerwelle stehen nicht allein. Viele Medien und "Kulturschaffende" sind bei ihnen. Nicht alle in böser Absicht, das mag ja sein. Aber vielleicht in Unwissenheit, eine Folge der deutschen Bildungsmisere?

Doch täuschen wir uns nicht - gegen die Stiftung, wie ursprünglich konzipiert, gibt es zwei Bewegungen von starker Seite. Da ist zu allererst Polen, das um seine - bisher unangetastete - Deutungshoheit fürchtet. Polen - das Opfer. Verfolgt und gequält von seinem Nachbarn. Von Deutschland, dem Täterland. Niemand darf daran rütteln. Niemand darf versuchen, die Geschichte "umzuschreiben", wie es auch aus deutschem Politikermund immer wieder zu hören ist. Soll heißen: die historisch fälschende Vereinfachung - Deutsche die Täter, Polen die Opfer - muß bleiben! Da stört die Stiftung natürlich, die schließlich als Dokumentationszentrum von Fakten geplant war.

Und noch gewichtiger - der Zentralrat der Juden. Er fordert jetzt eine "Neuausrichtung" der Stiftung! Das Thema Vertreibung darf nur "im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg und dem nationalsozialistischen Menschheitsverbrechen" dargestellt werden! Es müsse geklärt werden, "in welchem Verhältnis Vertreibung, Zweiter Weltkrieg und Holocaust" zueinander stünden. Ohne eine "grundlegende Veränderung" der Arbeit der Stiftung könnten am Ende die Deutschen "als größte Opfergruppe" dastehen, und die "Haupttäter des Jahrhunderts wären dann die Alliierten: Briten, Amerikaner, Russen".

Arme Stiftung! Bleibt da noch was von ihrem Ursprungskonzept? Ein angemessenes Andenken an die Millionen Toten? Klare Aussagen zur historischen Wahrheit? Eine Stätte einschneidender deutscher Geschichte? Ein wirkliches Zusammenführen europäischer Leidenswege? Was wahrscheinlich bleibt, ist verwässernde Politik. Ist Kompromiß - ist ein steter polarisierender Streit, der sich immer neue Ziele suchen will. Was bleibt, sind Trümmer: Ein deutsches Trauerspiel.



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Zitate zur Lage

Der Versuch, eine Aufarbeitung der Vertreibung der Deutschen zu unterbinden, weil dies angeblich einer "Aufrechnung" gleichkomme, verkennt die Menschenrechte der Vertriebenen und somit schließlich der übrigen Menschen. Es ist Hohn und Unbarmherzigkeit den Opfern gegenüber. Der Vorwurf der Aufrechnung kommt aus der Waffenkammer des Totalitarismus, in dem das Individuum nichts gilt. Der Vorwurf der Aufrechnung bedeutet Diffamierung und zugleich eine Einschüchterung der Opfer…
(Prof. Alfred M. de Zayas, US-Völkerrechtler und Historiker)